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Vor der EM 2024: Deutschland zwischen Vorfreude und Fan-Wut

Freude und Ärger vor der EM 2024 Quelle: DFB Der Fußball ist ein Milliardengeschäft, von dem zahlreiche Menschen profitieren. Die Spieler verdienen zum Teil horrende Gehälter, die Vereine kassieren Fernsehgelder und Siegprämien, und auch Spielervermittler nehmen so viel Geld ein, wie sie selbst mit sehr viel Glück nicht im Online Casino gewinnen könnten. Neben der Champions League ist die Europameisterschaft das wichtigste europäische Turnier und beschert nicht nur den Beteiligten im Fußball-Business, sondern auch dem Gastgeberland reichlich Einnahmen. Den Zuschlag für die Europameisterschaft im Jahr 2024 erhielt Deutschland, was beim Verband DFB verständlicherweise große Freude auslöste. Die Meinungen der deutschen Öffentlichkeit zum heimischen Turnier in sechs Jahren sind allerdings gespalten.

Özil versus Grindel

Fußball ist längst nicht mehr das einfache Spiel, bei dem 22 Menschen nach einem Ball rennen und versuchen, ihn ins gegnerische Tor zu schießen. Rund um den Sport hat sich eine Unterhaltungsindustrie entwickelt, in der nicht nur Ergebnisse wichtig sind, sondern auch die neue Frisur von David Beckham, die Instagram-Videos von Mario Götze und die neue Freundin von Cristiano Ronaldo. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2018 spielte sich so auch ein Drama um einen Fußballer ab, das komplett abseits des Platzes stattfand und von den Medien fleißig befeuert wurde. Mesut Özil und seine Fußballer-Kollegen İlkay Gündoğan und Cenk Tosun trafen sich im Mai 2018 mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in London. Es wurden Fotos gemacht, und sowohl Özil als auch Gündoğan übergaben Erdoğan ein Trikot. Das Treffen wurde von den deutschen Medien sehr kritisch kommentiert, vor allem deshalb, weil Özil und Gündoğan fortan unter dem Verdacht standen, sich nicht zu deutschen Werten zu bekennen. Während sich Gündoğan in der Folge der Kritik stellte, schwieg Özil beharrlich und erklärte schließlich im Juli 2018 seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Diesen begründete er unter anderem damit, dass er von den deutschen Fans keine Wertschätzung erfahre. Außerdem griff er den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel persönlich an und unterstellte ihm, rassistisch zu sein. Diesen Vorwurf wies Grindel zwar zurück, allerdings spricht seine Haltung als Politiker eine andere Sprache. Bevor Grindel im April 2016 zum DFB-Präsidenten wurde, saß er seit 2002 im Bundestag und vertrat dort verhältnismäßig nationalistische Meinungen. So sagte er 2004, dass „Multikulti in Wahrheit Kuddelmuddel“ sei. Zudem forderte er 2013 in einer Rede, dass doppelte Staatsbürger ihre ausländische Staatsbürgerschaft ablegen, um sich so zu Deutschland zu bekennen.

Der DFB am Pranger

Auch abseits der Causa Özil genießen Grindel und der DFB nicht gerade das beste Ansehen bei den deutschen Fußball-Fans. Vielen stößt es zum Beispiel übel auf, dass die Nationalmannschaft immer mehr zu einer Marketing-Maschinerie verkommt. Neben Grindel fällt dabei immer wieder der Name von Oliver Bierhoff, der als Manager des Teams für dessen Vermarktung zuständig ist. Es war seine Idee, ihm die Bezeichnung „Die Mannschaft“ zu geben, auch diverse Kooperationen mit Werbepartnern und der sehr umstrittene Fan Club Nationalmannschaft basieren auf Konzepten von Bierhoff. Dass die DFB-Elf seit dem WM-Sieg von 2014 den Kontakt zur Fanbasis verloren hat, zeigen nicht zuletzt die geringen Zuschauerzahlen bei Freundschaftsspielen. Bierhoff selbst musste auf einer Pressekonferenz nach der WM 2018 zugeben, dass die Nationalmannschaft wieder den Kontakt zu den Fans suchen muss. So kündigte er an, dass es in Zukunft wieder öffentliche Trainingseinheiten geben würde und dass die Bezeichnung „Die Mannschaft“ auf dem Prüfstand wäre. Mesut Özil Quelle: Anadolu Agency

Rechtsruck in Deutschland

Deutschland hat derzeit mit einigen Problemen zu kämpfen. Im Jahr 2015 beantragten fast 500.000 Flüchtlinge Asyl im Land, ein Jahr später war es sogar eine Dreiviertelmillion. Dieser große Strom an Menschen aus einer anderen Kultur, die in Deutschland zunächst von staatlichen Unterstützungen abhängig sind, erregt bei einer immer größer werdenden Gruppe an Bürgern Unmut. Sie fühlen sich von der imaginären Gefahr bedroht, die vom Islam ausgeht, und wollen nicht, dass Flüchtlinge Geld vom Staat erhalten, ohne überhaupt Leistungen dafür vollbracht zu haben. Der zunehmende Zuspruch, den die Partei AfD erhält, spricht deutlich für eine stärker werdende Tendenz zum Nationalismus. Zuletzt sorgten Ereignisse in Chemnitz für bundesweite Empörung, als zahlreiche Rechtspopulisten ihre Gesinnung zum Besten gaben. In diesem äußerst gespannten politischen Klima gab der europäische Fußballverband UEFA Ende September bekannt, dass Deutschland den Zuschlag für die Europameisterschaft 2024 erhält. Die Meinungen über dieses Turnier sind gespalten: Die einen freuen sich darüber, hochklassischen Fußball im eigenen Land zu sehen, die anderen halten es für bedenklich, den Sport über die im Land herrschenden Probleme zu erheben. Es ist schwierig, die politische Entwicklung in den kommenden sechs Jahren vorauszusehen, zumal es spätestens im Oktober 2021 zu einer Bundestagswahl kommt. Schaut man sich aktuelle Umfrageergebnisse an, ist zu befürchten, dass die AfD nach den 12,6 Prozent, die sie bei der Wahl im Jahr 2017 erreicht hat, noch stärker werden könnte.

Erinnerungen an das Sommermärchen

Betrachtet man allerdings in der Rückschau, welche positive Wirkung die Weltmeisterschaft 2006 für den Gastgeber Deutschland hatte, kann man sich eigentlich nur auf die EM 2024 freuen. Vor zwölf Jahren wurde dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ Leben eingehaucht, und Deutschland präsentierte sich als weltoffen und gastfreundlich. Nicht umsonst ist die WM als „Sommermärchen“ in Erinnerung geblieben. Weil der Fußball die Kraft hat, Menschen zusammenzubringen, liegen große Hoffnungen auf der EM 2024. Eine Voraussetzung ist allerdings, dass der DFB wieder an Glaubwürdigkeit gewinnt. Es war bereits ein erster Schritt, dass er bei der Bewerbung um die Europameisterschaft mit der Organisation Transparency International zusammengearbeitet hat, um sich nicht dem Vorwurf der Bestechung ausgesetzt zu sehen. Und selbstverständlich muss auch die Leistung der deutschen Nationalmannschaft bei der EM in sechs Jahren stimmen. Ein Aus in der Vorrunde, wie es bei der WM 2018 geschah, wird der Stimmung im Land alles andere als zuträglich sein. Somit ist es schon jetzt die Aufgabe der sportlichen Führung, eine konkurrenzfähige Mannschaft aufzubauen. Zudem muss Oliver Bierhoff zu seinem Wort stehen und das DFB-Team wieder näher an die Fans heranbringen. Dann steht einem zweiten Sommermärchen nichts im Weg.


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